1386 kHz: Litauen gegen Rußland Mai 2002

Im März 2002 wurde dem in Vilnius ansässigen Sender Radio Baltic Waves International die Lizenz für Sendungen auf der Mittelwellenfrequenz 1386 kHz mit 32.1 dBkW (1622 kW) EIRP erteilt.

Auf der gleichen Frequenz sendet auch eine Hochleistungsstation vom Standort Bolschakowo in der russischen Exklave Kaliningrad, eingeschlossen zwischen Litauen und Polen, und strahlt Programme der Stimme Rußlands auf deutsch und englisch für Hörer in Westeuropa ab.

Viele Fachleute und Hobbyisten fragen nach dem Hintergrund dieser offensichtlichen Kollision im Ether. Um dies zu beanworten, müssen wir in die Geschichte schauen.

Auf der Vorbereitungssitzung für die Washingtoner Radiokonferenz von 1927 in Lausanne (Schweiz) wurde die Mittelwellenlänge 219 Meter der Station „Kowno, Litauen” zugeteilt (Kowno ist das heutige Kaunas). Im Wellenplan von Montreaux von 1939 erhielt Sender „Memel, Deutschland” (das heutigen Klaipéda in Litauen) diese Frequenz. Im Kopenhagener Wellenplan von 1948 wiederum wurde sie erneut „Kaunas, Litauische SSR” zugeteilt. Ein Paar Jahre später wurde die Sendestation Sitkunai (18km von Kaunas entfernt) gebaut und man begann, Sendungen auf dieser zugeteilten Frequenz auszustrahlen. Irgendwann zwischen 1953 und 1972 wurde dieser Sender jedoch abgeschaltet. Später, im Jahre 1974, bauten die Russen eine Hochleistungsstation in Bolschakowo im Kaliningrader Gebiet (ehem. Ostpreußen), und begann auf der litauischen Frequenz zu senden. Die neue Sendestation ist 140 km von Kaunas entfernt. Nach Bestimmungen des internationalen Fernmelderechts muß ein Sender, wenn er um mehr als 30 km von einem international registrierten Standort verlegt wird, mit europäischen Staaten neu koordiniert werden. Die Sowjets kümmerten sich jedoch nicht um internationale Verträge und setzten niemanden über die Umplatzierung in Kenntnis.

1978 trat ein neuer Wellenplan für Europa in Kraft - der Genfer Plan, und erneut bekräftigte Moskau die Zuteilung von 1386 kHz für eine litauische Station in Kaunas. 1991, als Litauen von der UdSSR unabhängig wurde, unterzeichneten die litauischen und russischen Fernmeldeministerien ein Protokoll über die gegenseitige Anerkennung von Funktionen und Verantwortung auf dem Fernmeldesektor. In diesem Protokoll anerkennt Rußland Frequenzzuteilungen für Litauen. Nur war die wirkliche Situation eine ganz andere.

Weder räumten die Russen die Frequenz 1386 kHz, sie sendeten sogar mit erhöhter Leistung. Statt den im Genfer Plan erlaubten 1000 kW, stellten sie einen 2500 kW Sender in Betrieb. Statt einer Rundstrahlantenne mit 2.1 dB Gewinn, wie es der Genfer Plan erlaubt, wendeten sie eine „SV4+4” Antenne (eine Richtrahlantenne mit 8 Masten) mit 12.7 dB Gewinn an. Diese Kombination ergab eine um 29 Mal höhere Sendeleistung als in internationalen Verträgen vereinbart.

Im Herbst 2001 entschlossen sich die litauischen Fernmeldebehörden, ihre russischen Kollegen anzusprechen, um den illegalen Betrieb zu stoppen. Dies wurde notwendig, da Litauen beabsichtigte, seine eigene Station auf diesem Kanal in Betrieb zu setzen, so wie es der Genfer Plan vorsieht. Die Russen jedoch antworteten, daß sie keine Absicht hätten, die Ausstrahlungen zu beenden und forderten stattdessen Litauen auf, die Zuteilung von 1386 kHz im zentralen Frequenzregister der ITU zu streichen.

In diesem Moment sind Vorbereitungen in Gange, eine Station in Sitkunai mit einer Sendeleistung von 750 kW nachts und 250 kW tagsüber auf 1386 kHz in Betrieb zu setzen. Es ist geplant, daß diese Station im Juni 2002 im der Luft ist, dann sollen Tests durchgeführt werden, um die Reichweite und die Stärke der Störungen aus Rußland zu bestimmen. Derzeit arbeitet Bolschakowo zwischen 0900 und 2100 UTC, Berichten zufolge mit 1200 kW und der 8-Masten-Richtstrahlantenne.

Eine ähnliche Situation besteht bei einer weiteren Mittelwellenfrequenz, die von der Großstation benutzt wird: 1215 kHz. Die Parameter sind identisch mit 1386 kHz: ein 1200/2500 kW Sender und die 8-Masten „SV4+4” Antenne. Ist dies international koordiniert? Nein. Der Genfer Plan listet Orissaare, Estland, 30 kW.

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Rundfunkdienste und Sendestationen, die durch die russischen Hochleistungssender auf 1215 und 1386 kHz beeinträchtigt werden:


RUNDFUNK IN LITAUEN - GESCHICHTE
© Sigitas Žilionis Mai 2002